Interview

«Wenn man dem Wasser einen Preis gibt, bekommt es einen Wert»

Ist es moralisch und sinnvoll, an der Börse auf den Wasserpreis zu wetten? Der Ökonom Mike Young, der dieses Marktkonzept mitentwickelt hat, antwortet auf diese Frage im Interview.

Von Julie Zaugg

Australien nahm mit der Einführung eines Börsenmarkts für den Kauf und Verkauf von Wasser vor über 30 Jahren eine Vorreiterrolle ein. Inzwischen hat das System Nachahmer gefunden, insbesondere in Kalifornien. Im Dezember führte der US-Bundesstaat einen Terminkontrakt ein, mit dem Anleger an der Chicago Mercantile Exchange (CME) eine Wette auf die Wertentwicklung seines Wassers eingehen können. Wir haben über dieses Thema mit Mike Young, einem der Gründerväter des australischen Wassermarkts, gesprochen.

Wann hat Australien seinen Wassermarkt eingeführt?

Die Idee kam in den späten 1980er-Jahren auf, als wir feststellten, dass wir die Grenzen dessen erreicht hatten, was wir aus dem Murray River, einem Fluss im Südosten des Landes, herausholen konnten. Damals hat man Kontingente eingeführt und die Möglichkeit geschaffen, diese vorübergehend oder auf Dauer an den Meistbietenden zu verkaufen. Ein Teil des Wassers wurde für die Städte reserviert – je nach Bedarf. Der Rest wurde den Landwirten in Form von Aktien zugeteilt, die auf den Märkten gehandelt werden konnten. Die Regierung kauft zusätzliches Wasser, um den Erhalt der natürlichen Biotope sicherzustellen. Das System wurde 1994 formalisiert und 2004 auf das ganze Land ausgeweitet.

Wie hat sich das auf die Wasserknappheit ausgewirkt, mit der das Land regelmässig konfrontiert ist?

Der Wassermarkt hilft den lokalen Gemeinden, diese Ressource optimal zu verteilen. In Dürrezeiten werden sich Landwirte, die Schwierigkeiten haben, ihre Pflanzen anzubauen oder Gewinne zu erzielen, dafür entscheiden, ihre Kulturen aufzugeben und das Wasser an einen anderen Landwirt zu verkaufen, der es effizienter nutzen kann. Dies führt dazu, dass bestimmte wasserintensive und unrentable Kulturen wie Reis oder Baumwolle zugunsten von Obstbäumen mit höherer Wertschöpfung (Avocado- und Orangenbäume, Weinreben) aufgegeben werden. In Kerang im Bundesstaat Victoria, einer überkultivierten Region, die unter Bodenversalzung litt, haben viele Landwirte ihr Wasser an Weinbauern in anderen Teilen des Bundesstaats verkauft.

Welche Folgen hat das für den Wasserpreis?

Der Wert der Aktien, die den Landwirten zugeteilt wurden, steigt tendenziell im Laufe der Jahre. Aber dieser Anstieg hat weniger mit dem System selbst zu tun als mit der globalen Erwärmung, die den Bedarf an Wasser erhöht und die Verfügbarkeit verringert. Diese Entwicklung spiegelt sich einfach im Preis wider, den der Markt dieser wertvollen Ressource zuweist.

Ist eine solche Kommodifizierung dessen, was eigentlich ein Gemeingut sein sollte, wünschenswert?

Wenn man dem Wasser einen Preis gibt, bekommt es einen Wert. Man hört auf, es zu verschwenden, und der Diebstahl wird zu einem Verbrechen, das genauso wie ein Einbruchsdiebstahl bestraft wird. Das scheint mir nicht die schlechteste Art zu sein, eine knappe Ressource zu verwalten. Und wenn die Leute für das Wasser bezahlen müssen, werden sie sehr erfinderisch. In Australien wurden neue Formen der Bewässerung entwickelt, wie Tropfsysteme oder der Einsatz von Sensoren zur exakten Messung der Bodenfeuchte.

Aber wie können wir sicherstellen, dass jeder Zugang zu Wasser hat, einem von der UNO garantierten Recht?

Wenn ein Landwirt es sich nicht leisten kann, das benötigte Wasser zu kaufen, ist sein Geschäftsmodell nicht profitabel und der Bankrott unvermeidlich. Der Wassermarkt ermöglicht es, nur die wirtschaftlich rentablen Betriebe zu erhalten und andere aufzugeben. Was die Stadtbewohner betrifft, die Schwierigkeiten haben, ihre Wasser rechnungen zu bezahlen, so ist dies ein Armutsproblem, das durch Sozialleistungen gelöst werden sollte und nicht durch das Angebot von kostenlosem Wasser.

Besteht nicht die Gefahr, Monokulturen zu fördern, insbesondere von besonders profitablen Arten wie Mandelbäumen?

In einigen Regionen sind Monokulturen zweifellos die effizienteste Art der Wassernutzung. Andernorts hindert die Regierung nichts daran, Schutzmassnahmen zum Erhalt der Artenvielfalt einzuführen. Aber auch dieses Problem lässt sich nicht dadurch lösen, dass man jedem erlaubt, Wasser kostenlos und unbegrenzt zu nutzen.

Die Wassermärkte haben auch Finanzintermediäre und Investoren auf den Plan gerufen, die darin ein rein spekulatives Instrument sehen…

Die Aktien, die auf dem Wassermarkt gehandelt werden, haben einen hohen Wert, und das hat institutionelle Investoren angezogen. Einige Landwirte haben auch begonnen, in guten Jahren Wasser zu speichern, um es bei der nächsten Dürre zu einem höheren Preis zu verkaufen. Aber es gibt keine gross angelegte Manipulation dieser Märkte, wie eine Studie der australischen Verbraucherorganisation unlängst bestätigt hat. Insgesamt scheinen die Märkte besser in der Lage zu sein, Wasser auf die effizienteste Weise zuzuweisen, als die Regierungen.

Wird das australische Modell anderswo auf der Welt nachgeahmt?

Es laufen Versuche in Nevada und Kalifornien sowie in Chile und auf den Kanarischen Inseln. Aber Australien ist das einzige Land, in dem der Mechanismus der Wasserwirtschaft komplett überarbeitet wurde, was zur Etablierung eines ausgefeilten Wassermarkts geführt hat. Andernorts hat man sich damit begnügt, dem bestehenden Wasserzuteilungssystem Marktregeln überzustülpen.

Kann dieses Wirtschaftsmodell auch ausserhalb von Dürregebieten, beispielsweise in Westeuropa, angewendet werden?

Ja, und das ist sogar wünschenswert. Es ist besser, einzugreifen, bevor Wassermangel auftritt. Mit der globalen Erwärmung ist kein Land mehr vor Dürren gefeit. Wenn man eingreift, um ein bereits angeschlagenes System zu reparieren, wie im Central Valley in Kalifornien, wo die Landwirte so viel Wasser gepumpt haben, dass die Böden abgesackt und Häuser eingestürzt sind, ist die Herausforderung noch viel grösser...

 


 

HÜTER DES WASSERS

Mike Young, Professor für Wasser- und Umweltpolitik an der University of Adelaide, trug zur Einführung eines Wassermarkts in Australien bei und hat auch die Regierungen mehrerer US-Bundesstaaten und Grossbritanniens beraten. Ausserdem beschäftigte sich Young mit der Einführung von Fischfangquoten und von einem Emissionshandelssystem in Australien sowie mit Massnahmen zum Erhalt der Artenvielfalt und zur Reduzierung überzähliger Kängurubestände. Er arbeitete 30 Jahre bei der Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation, einer staatlichen Behörde.