Dossier

Gentechnik – das grosse Geschäft

Der rasante Rückgang der Kosten für die Analyse des menschlichen Genoms ebnete den Weg nicht nur für viele medizinische Anwendungen, sondern auch für spielerische Apps. Eine Reise zu den Bausteinen des Lebens an der Schnittstelle von Wissenschaft, Wirtschaft und Ethik.

Von Bertrand Beauté

Selten hat ein Jahr unseren Wortschatz so stark bereichert wie 2020. Beim Essen spricht man heute von PCR-Tests, DNA-Sequenzierung und Boten-Ribonukleinsäure, diese wissenschaftlichen Begriffe gehören schon ganz selbstverständlich zum Alltag. Das haben wir dem Coronavirus zu verdanken. Die Pandemie hat uns mit dem Vokabular der Genetik und der Gentechnologie vertraut gemacht. Auf den ersten Blick mag das nur ein vorübergehendes Phänomen sein. Doch tatsächlich spiegelt diese Entwicklung einen wahren Umsturz: Die Gentechnologie, die lange Zeit auf spezialisierte Labore beschränkt war, ist dabei, die Welt der Wissenschaft zu verlassen und in unseren Alltag einzuziehen.

«Die Genetik nimmt einen immer wichtigeren Platz in der Medizin ein. Der Bereich wächst unaufhaltsam», unterstreicht Professor Marc Abramowicz, Chefarzt in der Abteilung Genetische Medizin des Genfer Universitätsspitals (HUG) und Direktor am Zentrum für medizinische Genomik. «Rund 5 Prozent der Bevölkerung leiden unter einer Erbkrankheit, oft ohne es zu wissen. Das sind immerhin 400’000 Menschen in der Schweiz.»

Die Medizin ist nicht der einzige Bereich, der davon betroffen ist. «DNA gibt es in allen Organismen, im Pflanzen- und im Tierreich. Die gentechnischen Anwendungen sind zahlreich, insbesondere in der Tierzucht und in der Saatgutherstellung», erklärt Hervé Chneiweiss, Vorsitzender des Ethikausschusses des französischen Instituts für Gesundheit und medizinische Forschung (Inserm). «Wir sprechen hier nicht von einem Nischenmarkt, sondern von Hunderten Mrd. Dollar.»

Diese Aussichten zeigen sich auch an der Börse: 2020 stieg der Wert von ARK Genomic Revolution – ein ETF der Verwaltungsgesellschaft ARK Invest, der rund 50 Gentechnikfirmen umfasst – um 18 Prozent, während der Nasdaq in diesem Zeitraum «nur» 43 Prozent zulegte. Dieser Anstieg könnte weiter anhalten, denn das Potenzial dieser Technologien scheint Stand heute schier grenzenlos zu sein. Um das zu erkennen, muss man nur ins Internet schauen. In wenigen Klicks kann man heute DNA-Analysen kaufen, um den eigenen Stammbaum zu recherchieren, seine Veranlagung für Krankheiten zu erfahren oder auch um sportliche Leistungen zu verbessern.

 

Seitdem die Technologien immer besser werden, sind Erkenntnisse der Genetik für alle zugänglich

 

Élise, die in Zürich studiert, hat den Schritt gewagt. Im November 2020 nutzte sie das Sonderangebot der Firma MyHeritage und bestellte einen genealogischen DNA-Test für 50 Franken. «Ich bin zwar Schweizerin, aber ich habe Wurzeln in Europa und Südamerika», erzählt sie. «Ich wollte die biologische Grundlage meiner Identität kennen.»

In der eigenen DNA surfen, um sich selbst besser kennenzulernen? Vor gar nicht so langer Zeit hörte sich das noch nach Science-Fiction an. Aber seitdem die Technologien immer besser werden, sind Erkenntnisse der Genetik für alle zugänglich. 2001 kostete die Entschlüsselung des gesamten Genoms einer Person, die sogenannte Gen-Sequenzierung, noch 100 Mio. Dollar und dauerte Monate. Heute lesen moderne Anlagen die Sequenzinformation aus – in wenigen Stunden. Und der Preis liegt unter 700 Dollar. Seit dem Ausbruch der Pandemie erlebt die Sequenzierung eine wahre Hoch-Zeit. Denn dadurch lassen sich neue Varianten des SARS-CoV-2 bestimmen. In der gesamten Humanmedizin ist das Interesse sehr gross: Die Untersuchung des menschlichen Genoms ermöglichte es, kleine Änderungen zu erkennen, die bei der Genese und der Entwicklung von Krankheiten eine Rolle spielen.

Laut Universitätsspital Genf (HUG) wurden innerhalb von 30 Jahren Mutationen in knapp 4’000 Genen mit 7’300 Krankheiten in Verbindung gebracht. Und diese Zahl nimmt kontinuierlich zu, da jedes Jahr rund 200 Gene im Zusammenhang mit einer pathologischen Veränderung identifiziert werden. «Wir können heute Hunderte Erbkrankheiten diagnostizieren», so Marc Abramowicz. «Die Sequenzierung ist ein geläufiger medizinischer Test.»

In der Regel ist es jedoch in der Medizin nicht zwingend, gleich das gesamte Genom zu entschlüsseln. Für einfache Krankheiten, die nur bestimmte Mutationen betreffen, haben Unternehmen günstige Tests entwickelt, die lediglich einen bestimmten Abschnitt der Erbinformationen analysieren. 1996 lancierte die amerikanische Firma Myriad Genetics den ersten Brust- und Eierstockkrebs-Gentest, der nun weltweit zu den am häufigsten durchgeführten Untersuchungen zählt. «Einfache und gewinnbringende Testungen gibt es nicht mehr nur im öffentlichen Gesundheitswesen, sondern werden auch in privaten Laboren genutzt», stellt Marc Abramowicz fest. «Doch die komplexen Tests, die eine Sequenzierung des Grossteils des Genoms voraussetzen und 5’000 bis 6’000 Franken pro Person kosten, bleiben das Privileg der Spitäler.»

Die Analysten von Global Market Insights geben an, dass 2019 der Weltmarkt für medizinische Gentests, den es vor 20 Jahren eigentlich noch gar nicht gab, mehr als 13 Mrd. Dollar ausmachte – bis 2026 dürfte er mehr als 28,5 Mrd. schwer sein. Dieses Potenzial ist auch den Unternehmen nicht entgangen, die sich wohl weniger für die Gesundheit der Menschen als vielmehr für das Geschäft damit interessieren. Die Firma 23andMe wurde 2006 von Anne Wojcicki, der ehemaligen Frau des Mitgründers von Google, gegründet. 23andMe ist das erste Unternehmen, das Konsumentinnen und Konsumenten direkt DNA-Tests anbietet – ohne dass Ärzte involviert wären. Gesundheit ist dabei nur eine Sparte der Firma 23andMe. Sie vermarktet in erster Linie genealogische DNA-Tests. Und sie ist nicht die einzige: MyHeritage, Ancestry, FamilyTreeDNA… Es gibt unzählige

Firmen, die sich auf dem Markt für Ahnenforschung tummeln. Sogar Anlagefonds interessieren sich für diesen Sektor. Im August 2020 beispielsweise gab Blackstone 4,7 Mrd. Dollar für den Erwerb des Genealogie-Dienstleisters Ancestry aus. Und 23andMe dürfte bald an die Börse gehen, und zwar über ein SPAC (Special Purpose Acquisition Company). Dann würde 23andMe mit 3,5 Milliarden Dollar bewertet. Das ist sicherlich der beste Beweis, dass Gene und Gentechnologie ein echtes Geschäft geworden sind. Rein ökonomisch gesehen liefert die DNA-Analyse Informationen wie viele andere Analysen eben auch. Man bestellt das Tool-Kit per Handy im Internet, entschlüsselt das Erbgut, teilt die Daten – und verkauft sie dann weiter.

Die Cloud-Giganten lauern auf ihre Chance

Die Untersuchung des menschlichen Genoms generiert enorme Datenmengen, deren Anzahl sich jedes Jahr verdoppele, heisst es in einem Beitrag des «Journal of Informatics in Health and Biomedicine» vom Juli 2020. Das ist auch der Grund, warum sich Internet-Giganten für dieses Cloud-Segment interessieren. Google ist mit Cloud Life Sciences und Amazon via Amazon Elastic MapReduce (EMR) dabei. Sie entwickelten leistungsfähige Instrumente zur Speicherung und Analyse des Genoms, mit denen man genetische Mutationen bestimmen kann. Die Internet-Riesen konkurrieren mit den Systemen der Forschungslabore und Spitäler, den Open-Source-Plattformen wie Hail und den Diensten der «Pure Player» der Sequenzierung wie Illumina und Thermo Fisher Scientific.