Dossier

Digitale Technologien: Europa wacht auf

Die Pandemie hat die Schwächen schonungslos offengelegt: Den Europäern wurde klar, wie sehr sie aufgrund des Rückstands in den Digitaltechnologien von Branchenriesen aus den USA und Asien abhängen.

Bertrand Beauté

«In wenigen Monaten ist die Welt mit ihrer digitalen Transformation um mehrere Jahre vorangekommen.» Mit dieser schlichten Feststellung bringt der Analyst Brice Prunas von Oddo BHF Asset Management eine Erkenntnis auf den Punkt, die von seinen Kollegen einhellig geteilt wird. Von Jack Neele zum Beispiel. Der Portfoliomanager des Robeco Global Consumer Trends Equities kann nur beipflichten: «Das Coronavirus hat zu einem beispiellosen Boom bei der Nutzung digitaler Dienste geführt.» Die Telearbeit ist wahrscheinlich das sichtbarste Zeichen dieses Wandels, aber die digitale Welle hat darüber hinaus nahezu alle menschlichen Aktivitäten erfasst, vom Bildungssektor über die Industrie, den Handel, Freizeitaktivitäten und Kultur bis hin zum Gesundheitswesen. Die Zahlen sind beeindruckend: Laut einem Bericht der UNCTAD (United Nations Conference on Trade and Development), der am 3. Mai veröffentlicht wurde, stiegen beispielsweise die Online-Verkäufe 2020 in Australien um 59, im Vereinigten Königreich um 46,7 und in den USA um 32,4 Prozent.

Der Videokonferenzanbieter Zoom konnte die Zahl der täglichen Nutzer von zehn Millionen Anfang 2020 auf heute mehr als 300 Millionen in die Höhe treiben. Und die Abonnentenbasis von Netflix, dem Weltmarktführer unter den Video-Streaming-Diensten, wuchs von 167,1 Millionen Ende 2019 auf 203,7 Millionen Ende 2020. «Wenn Geschäfte, Restaurants, Kinos und der Rest der Wirtschaft wieder öffnen, wird sich das Wachstum bei einigen Dienstleistungen verlangsamen», erklärt Thomas Coudry, Head of Tech Equity Research bei Bryan, Garnier & Co. «Wir werden jedoch nie wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren. Die Leute haben während der Pandemie Gewohnheiten entwickelt, die sie nicht aufgeben werden.»

Für den alten Kontinent geht diese beschleunigte Digitalisierung mit einer erschreckenden Feststellung einher: Unter den weltweit führenden Tech-Konzernen befindet sich kein einziges europäisches Unternehmen.

«Die Amerikaner haben die GAFAM (Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft), die Chinesen die BATX (Baidu, Alibaba, Tencent, Xiaomi). Und Europa? Wir haben die DSGVO (Datenschutz-Grundverordnung)», witzelte der französische Präsident Emmanuel Macron im vergangenen Dezember, um die Neigung der Europäer anzuprangern, eher Vorschriften zu erlassen, als weltweit führende Unternehmen zu gründen.

Und es wäre falsch zu denken, das Problem sei nur auf GAFAM und BATX beschränkt. «Der Digitalbereich funktioniert nach dem ‹The Winner takes it all›-Gesetz», erklärt Cyrille Dalmont, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Thomas-More-Institut. «Sobald ein neuer Dienst auftaucht, betritt ein Akteur die Bühne, der sich den gesamten Markt unter den Nagel reisst, wie beispielsweise Google mit einem Anteil am weltweiten Suchmaschinenmarkt von mehr als 90 Prozent.» Und das ist alles andere als ein Ausnahmefall: Uber dominiert Transportdienste, bei Serien ist es Netflix, bei der Vermietung von Unterkünften Airbnb, bei Restaurantreservierungen TripAdvisor usw.

 

«In der Pandemie ist Europa aufgewacht und hat mit Bitterkeit den grossen Rückstand erkannt»

Thomas Coudry, Head of Tech Equity Research bei Bryan, Garnier & Co

 

«Das Bild ist sehr düster», sagt Cyrille Dalmont, Autor des Berichts «L’impossible souveraineté numérique européenne» von April 2021 (zu Deutsch: «Die unmögliche digitale Souveränität Europas»). Dalmont fährt fort: «Unter den Top 5 der Hardware-Hersteller weltweit gibt es kein einziges europäisches Unternehmen. Das Gleiche gilt für Betriebssysteme, Cloud-Lösungen, Datenzentren, Smartphones, Halbleiter, Chips und Mikroprozessoren. Europa ist zu einer digitalen Kolonie geworden, die von den amerikanischen und asiatischen Giganten abhängig ist.»

Der Rückstand des alten Kontinents im digitalen Kampf ist nicht neu – er reicht mindestens bis in die 2000er-Jahre zurück. Aber die Gesundheitskrise hat einen enormen Schub ausgelöst. «In der Pandemie ist Europa mit einem Kater aufgewacht und hat mit Bitterkeit den grossen Rückstand erkannt», berichtet Thomas Coudry. «Es scheint so, als gäbe es jetzt ein echtes Problembewusstsein.»

Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, musste im März dieses Jahres einräumen: «Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig digitale Technologien und Kompetenzen für die Arbeit, das Studium und die Kommunikation sind und in welchen Punkten wir uns verbessern müssen.» Sie rief dazu auf, «das angefangene Jahrzehnt zu Europas digitaler Dekade zu machen».

Bis 2027 will Brüssel rund 150 Mrd. Euro – das sind 20 Prozent des Corona-Wiederaufbaufonds «Next Generation EU» – für den digitalen Wandel aufwenden. Mit dieser Investition soll die «digitale Souveränität» Europas aufgebaut werden. Um dieses ehrgeizige Vorhaben zu realisieren, hat man in Brüssel eine Reihe konkreter Ziele definiert, die bis 2030 erreicht werden sollen. Zudem gibt es nun mit dem Digital Market Act eine neue regulatorische Handhabe, die verhindern soll, dass die US-Konzerne ihre dominante Position missbrauchen.

Alles nicht genug und viel zu spät? Die Experten sind geteilter Meinung. «Das sind Schritte in die richtige Richtung», sagt Brice Prunas, Global Equity Fund Manager bei Oddo BHF Asset Management. «Aber ich fürchte, sie werden nicht ausreichen.» Zum Vergleich: Der weltgrösste Chiphersteller, das taiwanische Unternehmen TSMC, wird laut Nachrichtenagentur Bloomberg in den nächsten drei Jahren allein 100 Mrd. Dollar investieren, um Produktionskapazitäten weiter auszubauen.

Éric Baissus, CEO des französischen Start-ups Kalray, das Prozessoren der nächsten Generation entwickelt, ist zuversichtlicher: «Ich bin recht optimistisch. Europa hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht, vor allem in Bezug auf die Finanzierung. Und es gibt jetzt ein gesteigertes Bewusstsein. Wenn wir an uns selbst glauben, gibt es wirklich Grund zur Hoffnung.»

Denn Europa hinkt zwar weit hinterher, fängt jedoch nicht bei null an. Wie unser Dossier zeigt, gibt es auf dem alten Kontinent bereits einige erfolgreiche Unternehmen im Digitalbereich, wie beispielsweise die niederländische Bezahlplattform Adyen, den schwedischen Musik-Streaming-Dienst Spotify, die beiden Online-Versandhändler Zalando in Deutschland und Allegro in Polen sowie den britischen Essenslieferdienst Deliveroo, die das europäische Konjunkturprogramm für ihre Weiterentwicklung nutzen könnten.

Andere vielversprechende Sektoren sind für den Verbraucher weniger sichtbar: «Europa, und insbesondere Deutschland, hat auch Kernkompetenzen in der Digitalisierung der Industrie», betont Dimitri Kallianiotis, Spezialist für Technologieinvestitionen bei der Union Bancaire Privée (UBP). In diesem Bereich geht es um die intelligente Automatisierung in der Fertigung (Industrie 4.0). Und hier ist Europa mit Flaggschiffen wie dem Schweizer Konzern ABB, Dassault Systèmes (Frankreich), Hexagon (Schweden) und den deutschen Unternehmen SAP, Bosch und Nemetschek sogar führend. Und mit dem Ausbau der 5G-Infrastrukturen, eines Gebiets, das mit Nokia (Finnland) und Ericsson (Schweden) ebenfalls von Europa dominiert wird, dürfte sich die Digitalisierung der Werke noch beschleunigen. «Wir müssen mit Blick auf die 5G-Infrastruktur vorsichtig bleiben», erläutert Dimitri Kallianiotis von der UBP. «Es stimmt zwar, dass Nokia und Ericsson den Weltmarkt dominieren, aber das liegt weniger an ihren Fähigkeiten als an den Umständen. Hätten die USA Huawei nicht zu Fall gebracht, wären diese beiden Unternehmen nicht da, wo sie heute stehen.»

 

«Europa hat die ersten digitalen Revolutionen verpasst»

Éric Baissus, CEO von Kalray

 

In Europa blickt man jedoch weiter nach vorn. Um wieder ins Spiel zu kommen, setzt man auf bahnbrechende Technologien, die sogenannten Deep Tech. So soll bis 2025 ein erster Quantencomputer entwickelt werden, mit dem Ziel, bis 2030 zu einer führenden Kraft in diesem Bereich aufzusteigen.

«Wir treten in eine neue Ära der Innovation ein, in der sich europäische Unternehmen durchaus profilieren können», bestätigt Jack Neele von Robeco. Éric Baissus sieht das ähnlich: «Europa hat die ersten digitalen Revolutionen verpasst», räumt der CEO von Kalray ein. «Aber was die Deep Tech angeht, ist die Schlacht noch nicht verloren. Wir sind hier in einer guten Ausgangsposition.»


ENDLICH WAS KONKRETES!

Die Europäische Kommission hat im März 2021 ihre Roadmap für die digitale Dekade veröffentlicht. Hier die wichtigsten Ziele.


START-UPS
Bis 2030 soll es fast 250 Einhörner geben, das wäre eine Steigerung im Vergleich zum Vorjahr um 100 Prozent.

ELEKTRONISCHE CHIPS
Den Anteil an der Halbleiterproduktion will man bis 2030 verdoppeln, um dann wertmässig 20 Prozent der weltweiten Produktion zu halten. 2020 waren es nur 10 Prozent.

DEEP TECH
Die Entwicklung eines ersten Quantencomputers ist bis 2025 geplant, um dann bis 2030 zu einer führenden Kraft in diesem Bereich aufzusteigen.

DIGITALISIERUNG DER GESELLSCHAFT
Bis 2030 sollen alle wesentlichen öffentlichen Dienstleistungen online verfügbar sein.

BILDUNG
80 Prozent der Erwachsenen sollen bis 2030 über digitale Grundkenntnisse verfügen.

INFRASTRUKTUREN
Bis 2030 sollen alle EU-Bürger über einen Breitbandanschluss («Gigabit») verfügen. Zum Vergleich: 2020 kamen nur 59 Prozent in diesen Genuss.

BESCHÄFTIGUNG
2030 wird der IT-Sektor nach den Planungen 20 Millionen Menschen beschäftigen. 2019 waren es 7,8 Millionen.

UNTERNEHMENSTRANSFORMATION
Drei Viertel der Unternehmen sollen Cloud-Computing-Dienste, «Megadaten» (Big Data) und künstliche Intelligenz nutzen.