Ukraine

Harte Landung in Sicht

Der Krieg in der Ukraine wird dauerhafte Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben. Das Ausmass ist aktuell noch nicht abzuschätzen. Obwohl die Märkte sich wieder erholt und auf das Vorkriegsniveau eingependelt haben, droht Europa die Gefahr einer Stagflation.

Bertrand Beauté

Der Krieg sorgt für ein Wechselbad der Gefühle bei den Aktienindizes. «Die Invasion in der Ukraine hat die Fundamentaldaten zeitweise in den Hintergrund gedrängt», stellt Mabrouk Chetouane, Head of Global Market Strategy bei Natixis Investment Managers, fest. Zu Kriegsbeginn hätten die Märkte eher auf beängstigende Erklärungen und die jeweilige Nachrichtenlage reagiert  als auf wirtschaftliche Aussichten.  

Als am 8. März bekannt wurde, dass die Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine Fortschritte machten, stieg der STOXX Europe 600 beispielsweise innerhalb von 24 Stunden um knapp 5 Prozent. Einige Tage zuvor, am 3. März, hatte dieser Index, der die 600 grössten europäischen Börsenkapitalisierungen umfasst, 3,5 Prozent verloren. Warum? Nach einem Gespräch mit Wladimir Putin äusserte der französische Staats präsident Emmanuel Macron die Sorge, das Schlimmste stehe noch bevor. Damit nährte er die Angst der Marktteilnehmer, die seit dem Beginn der Invasion am 24. Februar ohnehin mehr als beunruhigt waren. In der Tat kletterte der europäische Volatilitätsindex VSTOXX, auch «Angstindex» genannt, am 7. März auf beinahe 60 Punkte, den absoluten Höchststand seit März 2020. Bis zum Monatsende sank er jedoch wieder unter 30 Zähler und damit auf das Vorkrisenniveau. «Die Ungewissheit über den Fortgang des Kriegs führte anfangs zu einer gewissen Aufregung der Anleger. Die Lage normalisiert sich jedoch», so Mabrouk Chetouane. «Märkte gewöhnen sich an alles. Sie fanden sich mit dem Brexit ab, mit dem Handelskonflikt zwischen den USA und China und ebenso mit dem Krimkrieg. Bei dieser Krise wird es nicht anders sein.»

Schon Ende März hatten die meisten europäischen Aktienindizes ihre Verluste seit dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar aufgeholt. «Die Anleger befürchteten zunächst die Einstellung der russischen Gaslieferungen, die Eskalierung des Konflikts in Europa, ja sogar den Ausbruch eines dritten Weltkriegs und waren kaum zu beruhigen», stellt Hubert Lemoine, Chief Investment Officer bei Schelcher Prince Gestion fest. «Zwischenzeitlich haben sie sich jedoch auf die Vorstellung eines langen Konflikts eingestellt, der auf die Ukraine beschränkt ist und wohl früher oder später diplomatisch gelöst wird.»

 

«Die Inflation wird noch weiter zunehmen»

Alan Mudie, Chief Investment Officer bei Woodman Asset Management

 

Dieser recht selbstbezogene Optimismus der Börsenteilnehmer dürfte allerdings von der wirtschaftlichen Realität entkoppelt sein, insbesondere in Europa, das aufgrund der Abhängigkeit von russischen Energielieferungen unmittelbar von diesem Krieg betroffen ist. «Vor dem Krieg drohte bereits eine Beschleunigung der Inflation. Die Invasion in der Ukraine hat die Lage weiter verschärft», betont Mabrouk Chetouane. «Unseren Prognosen zufolge dürfte die Inflation im Euroraum dieses Jahr 5 Prozent erreichen und 2023 auf 2,9 Prozent zurückgehen. Eine solche Teuerung haben wir noch nie erreicht!» Laut Eurostat betrug die Inflationsrate im Euroraum im März  7,5 Prozent (annualisiert), im Februar waren es noch 5,9 Prozent. Derartige Zuwächse hat es seit der Einführung des Indikators im Jahr 1997 noch nicht gegeben.

Schuld daran sind die seit Kriegsbeginn stark angestiegenen Preise für Rohstoffe, Energie und Lebensmittel. «Die Inflation wird noch weiter zunehmen», warnt Alan Mudie, Chief Investment Officer bei Woodman Asset Management. «Diese geopolitische Krise dauert an. Europa will die russischen Energieimporte drastisch senken, aber das braucht Zeit: 40 Prozent des in der EU verbrauchten Erdgases kommt aus Russland. Solche Mengen kann man nicht im Handumdrehen ersetzen! Die Energiepreise dürften deshalb noch geraume Zeit Auftrieb erhalten.»

Diese Einschätzung teilt auch Mabrouk Chetouane. Er erwartet den Höhepunkt der Inflation erst für das zweite Halbjahr. Den Volkswirten von Goldman Sachs zufolge wird die Inflation in der Eurozone im Juli einen Höchststand von 7,7 Prozent erreichen.

Angesichts der steigenden Verbraucherpreise dürften viele Haushalte gezwungen sein, sich finanziell einzuschränken und Ausgaben zu reduzieren. Und auch die Unternehmen werden wohl ihre Investitionen zurückfahren müssen. Dieser Trend dämpft das Wirtschaftswachstum. Daher hat der IWF seine Wachstumsprognose für 2022 für die Eurozone auf 2,8 Prozent gesenkt, im Januar war man noch von 3,9 Prozent ausgegangen. Die Bank of America geht schon jetzt davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Europa höchstens um 2,4 Prozent zunehmen wird. Für die Schweiz erwartet das Wirtschaftsinstitut KOF für 2022 einen Anstieg des BIP von 2,9 Prozent.

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Im Jahresverlauf könnten diese Zahlen noch weiter nach unten revidiert werden. «Die Ökonomen wollen nicht vorschnell düstere Prophezeiungen machen, um die Anleger nicht zu verängstigen», sagt Hubert  Lemoine. «In Europa ist das Risiko einer Stagflation, also einer Kombination aus steil ansteigender Inflation und schwachem Wirtschaftswachstum – so wie in den beiden Erdölkrisen 1973 und 1979 – allerdings gross. Wir sind zwar noch nicht in eine Rezession abgerutscht, stehen jedoch kurz davor. Diesmal dürfte die Landung für die Wirtschaft sehr hart ausfallen.»  

 

Alle Unternehmen müssen ihre Beschaffungsprozesse neu organisieren

 

Diese Aussicht deutete auch  Christine Lagarde an: «Je länger der Krieg dauert, desto höher sind die Kosten für die Wirtschaft und desto wahrscheinlicher müssen wir ungünstigere Szenarien bewältigen», meinte die EZB-Chefin am 30. März. Das Risiko ist umso grösser, als die Inflation nicht die einzige negative Auswirkung des Krieges ist.

Die Industrie muss lernen, sich andernorts als in Russland mit Rohstoffen zu versorgen. Eine echte Herausforderung, weil Moskau Europa mit vielen wichtigen Erzen beliefert (s. Infografik S. 54). Airbus und Boeing importierten beispielsweise 50 bzw. 30 Prozent des Titans für ihre Flugzeuge aus Russland. Seit der Kündigung ihrer Verträge mit dem russischen Konzern VSMPO-Avisma, dem grössten Titanproduzenten weltweit, sind die beiden Flugzeughersteller auf der Suche nach neuen Lieferanten.

Auch die Luxusbranche ist betroffen. Das Genfer Unternehmen Richemont, unter anderem Eigentümer von Cartier, bezieht seine Diamanten nun nicht mehr aus Russland. Auch hier muss eine Alternative gefunden werden, wobei zu bedenken ist, dass das russische Bergbauunternehmen Alrosa einen Anteil von 28 Prozent am Weltmarkt hält. Die Neuorganisation der Versorgung betreffe alle, so Cyrille Vigneron, Geschäftsführer von Cartier, anlässlich der Uhrenmesse in Genf Ende März. «Das alles hat einen Preis, den wir noch nicht kennen.»

Weitere westliche Unternehmen mussten sich angesichts des öffentlichen Drucks sehr schnell aus dem russischen Markt zurückziehen, obwohl sie dort einen wesentlichen Teil ihres Umsatzes erzielen. Das betrifft zum Beispiel auch Renault. Bei dem Automobilhersteller entfielen immerhin 18 Prozent des Absatzes und 12 Prozent des operativen Gewinns auf Russland. Dabei handelt es sich jedoch um einen Extremfall. Die meisten europäischen Industrieunternehmen sind kaum in Russland oder der Ukraine engagiert und erwirtschaften dort nur einen geringen Teil ihres Umsatzes.

Die Schweizer Exporte nach  Russland machten 2021 lediglich 3,4 Mrd. Franken aus, das ist kaum 1 Prozent. «Aber die Schweizer Wirtschaft ist globalisiert und hängt stark von der übrigen Welt ab», betont Eleanor Taylor Jolidon, Co-Manager Swiss & Global Equity bei Union Bancaire Privée (UBP). «Eine Verlangsamung des globalen Wirtschaftswachstums würde sich auch auf die Schweizer Wirtschaft auswirken.»

Neben den Direktfolgen erleiden alle Wirtschaftsakteure die Nebenwirkungen des Kriegs: Inflation und gestörte Lieferketten. Die Ukraine produziert beispielsweise 70 Prozent des Neons, das für die Herstellung von Halbleitern wesentlich ist. Deshalb könnte es zu einer erheblichen Knappheit kommen. Einem Bericht vom 22. März der Allianz Research zufolge seien die indirekten Auswirkungen des Konflikts «weltumspannend, massiv und unmittelbar. Die gesamte Weltwirtschaft leidet unter dem Höhenflug der Energie - beziehungsweise Rohstoffpreise und den Lieferengpässen.»

Der Dachverband der Schweizer Wirtschaft Economiesuisse veröffentlichte am 16. März eine Studie, der zufolge jede dritte Schweizer Firma bereits jetzt von krisenbedingten Versorgungsschwierigkeiten betroffen ist.  50 Prozent der Befragten gingen davon aus, dass der Krieg ihren Umsatz drücken werde. Zu den Mangelgütern zählen Aluminium und Holz, Produktionsanlagen, Maschinen und Halbleiter. Die meisten Unternehmen, die wir für diese Ausgabe befragt haben, sind derzeit noch nicht in der Lage, die Auswirkungen des Kriegs auf ihre finanzielle Situation zu beziffern. «Wenn die börsenkotierten Unternehmen ihre Ergebnisse für das erste Quartal und vor allem für das zweite Quartal veröffentlichen, werden die Anleger genauer wissen, welche Unternehmen am stärksten von der Krise betroffen waren», sagt Hubert Lemoine.