Small Caps

«Die Börse ist ein Garant für Seriosität»

Das französische Small-Cap-Unternehmen genOway hat nach seinem Börsengang einen turbulenten Weg an den Märkten zurückgelegt. Interview mit dem CEO und Firmengründer Alexandre Fraichard. 

Bertrand Beauté

Covid-19 bleibt an der Börse ein Zauberwort. Am Jahres legte die genOway-Aktie um beinahe 20 Prozent zu. Warum? Das Unternehmen aus Lyon verkündete die erste erfolgreiche genetische Veränderung bei einer Maus, mit der die Symptome von Covid-19 nachempfunden werden könnten (s. Swissquote Magazine, Ausgabe September 2020). Der Einsatz dieses gentechnisch modifizierten Nagers ermöglicht Versuche mit Medika-menten und Impfstoffen gegen diese Krankheit, aber auch ein besseres Verständnis ihrer Mechanismen. Seit diesem technologischen Erfolg ist die genOway-Aktie jedoch wieder gefallen. Eine weitere Turbulenz in ihrer bewegten Geschichte. Nach einem Börsengang im Mai 2007 mit einem Kurs von 4,96 Euro erlebte genOway eine rasante Talfahrt und wurde zum Pennystock, einer Billigaktie, die an ihrem tiefsten Stand 2009 nur noch weniger als ein Euro wert war. 2020 erlebte das Unternehmen jedoch mit der Pandemie einen enormen Aufschwung. Für Alexandre Fraichard, den Gründer und CEO, hat die Kursentwicklung seines Unternehmens jedoch keinerlei Beziehung zur wirtschaftlichen Realität, wie er im Interview erläutert.

Warum haben Sie sich 2007 für einen Börsengang entschieden?

Unternehmen gehen normalerweise an die Börse, um Mittel zu beschaffen. Wir brauchten jedoch kein Geld. Wir sind für unser Image an die Börse gegangen. Für unsere Kunden, die vor allem aus Pharmaunternehmen wie Novartis, Pfizer oder BMS bestehen, ist die Börse ein Garant für Seriosität. Zu Recht oder zu Unrecht haben börsenkotierte Unternehmen das Image, beständig zu sein.

Wie ist Ihr IPO verlaufen?

Wir sind 2007 zu einer Zeit an die Börse gegangen, in der der Biotech-Sektor noch sehr in Mode war. Unser IPO ist darum sehr gut gelaufen. Die Begeisterung für Biotechnologien verflüchtigte sich 2008. Die folgenden zehn Jahre waren weitaus schwieriger. Viele Investoren, die wir trafen, sagten uns zusammengefasst: «Wir sind von Ihrem Projekt begeistert. Sie sind jedoch zu klein. Wir investieren nicht in ein Unternehmen mit einer Kapitalisierung von unter 100 Millionen.» Und genau da liegt das eigentliche Problem: Wenn Sie nicht die Kapitalisierungsgrenze von 100 Mio. Euro überschreiten, interessiert sich niemand für Sie. Kein Analyst wird beispielsweise über unsere Aktie berichten. Hin und wieder bezahlen wir eine gesponserte Analyse, die uns jedoch nicht viel bringt. Daher gibt es die meiste Zeit keine Finanzanalyse zu genOway. 

Hat die Pandemie etwas daran geändert?

Nein. Es gibt nach wie vor keinen Analysten, der über uns berichtet. Die Pandemie hat uns jedoch eine Konstante in Erinnerung gerufen: Es genügt, wenn nur einer für einige 100’000 Euro unsere Aktie kauft. Und schon steigt unser Kurs rasant an. Und umgekehrt. Der kleinste negative Bericht, zum Beispiel über ein mögliches Ende von Tierversuchen, oder der kleinste positive Bericht, etwa über den Bedarf an Mäusen für den Test von Impfstoffen gegen Covid-19, und schon fällt oder steigt unsere Aktie. Es gibt eine Entkoppelung zwischen dem Wirtschaftsleben eines Unternehmens und seinem Leben an der Börse. In einem derartigen Umfeld müssen wir mit unserer Kommunikation sehr vorsichtig sein. In der Ankündigung zur Entwicklung einer gentechnisch veränderten Maus für Covid-19 im Oktober haben wir beispielsweise sehr betont, dass es sich hier um ein Instrument für die Forschung handelt. Sie verdient es nicht, dass unser Kurs um das Zehnfache steigt. Wir sind nicht BioNTech.  Unser Umsatz wird nicht dank Covid-19 von mehreren Millionen auf mehrere Milliarden ansteigen. Es ist sehr wichtig, vorsichtig zu sein, denn wenn die Leute die Informationen über unser Unternehmen nicht richtig verstehen, verändert sich der Kurs zu stark.  

Wie passen Sie sich Marktschwankungen an?

Wir müssen eine mittel- bis langfristige Vision beibehalten, um eine Mittelbeschaffung an der Börse zu vermeiden. Damit werden Kursschwankungen der Aktie vermieden. Anfangs, als wir gerade an die Börse gekommen sind, hatte ich eine extrem rationale Sicht auf den Markt. Die Schwankungen belasteten mich sehr. In Wahrheit sind wir noch zu klein, um ein echtes Leben an der Börse zu haben, mit Leuten, die kaufen und verkaufen, ohne dass die Aktie nicht nach oben oder unten ausschlägt. Heute bereitet mir die Tatsache, dass die Aktie jetzt drei oder vier Euro kostet, keine schlaflosen Nächte mehr. Was allein zählt sind das Wachstum beim Umsatz und eine Steigerung der Rentabilität.

Bedauern Sie Ihren Börsengang?

Keineswegs. Ich bin, was die Börse betrifft, sehr positiv. Abgesehen von der Glaubwürdigkeit, die sie uns verleiht, hat sie uns, glaube ich, gerettet. Nach dem Börsengang 2007 hat einer unserer ersten Aktionäre seinen Venture-Capital-Fonds geschlossen. Er nutzte den Börsengang, um sich schnell zurückzuziehen und seine Aktien zu verkaufen. Dies brachte den Kurs von genOway für mehrere Jahre in den Keller. Aber hätte uns dieser Aktionär auch so unkompliziert verlassen können, wenn wir nicht kotiert gewesen wären: Wir hätten die Firma vielleicht verkaufen müssen. Dafür bleibe ich sehr dankbar.