BATTERIEN

Batterien elektrisieren die welt

Die Batterieindustrie ist ein unverzichtbarer Akteur in der Energiewende und erlebt einen rasanten Aufschwung. 2030 dürfte die Branche mindestens 300 Mrd. Dollar pro Jahr erwirtschaften – dreimal so viel wie heute.

Bertrand Beauté

Einen solchen Ansturm hatte die Börse in Seoul noch nie erlebt. Im vergangenen Januar versuchten 4,4 Millionen Südkoreaner – nahezu jeder zehnte Einwohner im Land der Morgenstille – beim Börsengang des weltweit zweitgrössten Batterieherstellers LG Energy Solution Aktien zu kaufen. Dieses grosse, landesweite Interesse führte dazu, dass die Nachfrage 70 Mal höher war als die Anzahl der Aktien, die beim Börsenstart Privatpersonen vorbehalten war. So gingen manche leer aus, während die Glücklichen, die ein paar Wertpapiere von LG Energy Solution ergattern konnten, ihre Investition nicht bereuten. Die Aktie, die zu einem Preis von 300’000 Won pro Stück eingeführt wurde, schoss am ersten Handelstag um 68 Prozent in die Höhe. Seitdem verzeichnete sie natürlich wie die meisten Technologiewerte im Jahr 2022 eine Korrektur. Aber sie wird heute immer noch mehr als 25 Prozent über ihrem Einführungskurs gehandelt.

LG Energy Solution ist nicht der einzige Batteriehersteller, der an der Börse gut abschneidet. So verzeichnete beispielsweise das chinesische Unternehmen CATL, Weltmarktführer der Branche, in den vier Jahren zwischen seinem Börsengang im Juni 2018 und heute einen Kursanstieg von fast 1’000 Prozent. Dasselbe gilt für die chinesische Firma BYD, deren Aktien in den letzten fünf Jahren um mehr als 600 Prozent gestiegen sind. Wie lässt sich dieses Interesse der Anleger erklären? «Der Batteriesektor wird in den nächsten Jahren massiv wachsen», antwortet Anna Väänänen, Managerin des Global Environmental Equity Fund bei Mirova. «Diese attraktiven Aussichten gefallen den Anlegern.»

Derzeit wird der Markt für wiederaufladbare Batterien auf rund 100 Mrd. Dollar geschätzt. Bis 2030 soll er auf 284 Mrd. Dollar anwachsen, wie das indisch-kanadische Marktforschungsunternehmen prognostiziert. Eine sehr vorsichtige Schätzung. Es gibt verschiedene Batteriearten, beispielsweise Blei-, Nickel- und Lithiumbatterien, aber allein schon die Nachfrage nach Lithium-Ionen-Modellen dürfte den Gesamtmarkt auf ein noch weitaus höheres Niveau treiben. So hat die Li-Ionen-Technologie 2021 allein zwischen 40 und 60 Mrd. Dollar generiert. Nach den mehr oder weniger optimistischen Schätzungen verschiedener Marktforscher dürften es 2030 bereits zwischen 180 und 280 Mrd. Dollar sein.

Diese grosse Spanne lässt sich dadurch erklären, dass der Batteriemarkt zwar bereits 150 Jahre alt ist, sich aber immer noch rasant weiterentwickelt oder sich zumindest in einem Umbruch befindet. Das Aufkommen der Li-Ionen-Modelle, die seit 1991 im Handel sind, hat diese alte Branche völlig umgekrempelt. Lithium-Akkus können viel mehr Energie speichern als die früheren Blei- oder Nickel-Technologien und haben die Entwicklung der mobilen Elektronik in den 2000er-Jahren, der Elektromobilität ab 2010 und der stationären Energiespeicherung in der Zukunft ermöglicht.

«Die Leute haben den Eindruck, dass die Batteriebranche bereits riesig sei. Aber wir stehen erst am Anfang», schwärmt Michael Pye, Investmentmanager bei Baillie Gifford. «Um einen Vergleich zu ziehen: Es ist ein bisschen so, als hätten wir gerade die ersten Ölbohrlöcher in Texas angelegt. Das Wachstumspotenzial ist enorm.»

«Wiederaufladbare Batterien werden ein wichtiger Bestandteil der Energiewende sein», bestätigt Anna Väänänen. «Sie helfen, die Gesellschaft zu elektrifizieren, und dieser Prozess ist notwendig, um unseren Verbrauch an fossilen Energieträgern zu reduzieren.» Haupttreiber der Nachfrage in den kommenden Jahren ist der aktuell boomende Sektor der Elektromobilität. Einem Bericht des World Economic Forum zufolge wird sich der Bedarf an Batterien für den Verkehr verzehnfachen und bis 2030 von derzeit 229 Gigawattstunden (GWh) auf 2’333 GWh ansteigen.

Giacomo Fumagalli, Aktienmarktanalyst bei Robeco, bestätigt, dass die Nachfrage explodieren wird: «2021 wurden weltweit 6,6 Millionen Elektrofahrzeuge verkauft, was mehr als 8 Prozent des Gesamtabsatzes entspricht. Es gibt also noch ein bedeutendes Verbesserungspotenzial », so der Analyst. «Die Prognosen gehen davon aus, dass der Absatz von Elektrofahrzeugen 2022 die Schwelle von zehn Millionen Einheiten überschreiten könnte. Trotz der Inflation wird die Branche also auch in diesem Jahr weiter wachsen. Und mit der schrittweisen Verbannung der Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor (die Europäische Union hat ein Verkaufsverbot für Verbrenner ab 2035 beschlossen Anm.d. Red.) erwarten wir, dass der Anteil der Elektroautos bis 2030 weltweit auf 50 Prozent ansteigen wird», so Giacomo Fumagalli.

Diese Transformation in der Automobilindustrie wird durch den drastischen Rückgang des Preises von Lithiumbatterien ermöglicht und beschleunigt. Dieser ist 2021 auf durchschnittlich 132 Dollar pro Kilowattstunde (kWh) gesunken. 2010 lag er noch bei 1’200 Dollar, was einem Rückgang von fast 90 Prozent entspricht. «Die Preise werden noch weiter sinken», prognostiziert Nicolas Jacob, Experte für thematische Aktien bei Oddo BHF Asset Management. «Bis 2025 dürften sie unter die symbolische Schwelle von 100 Dollar pro kWh fallen. Und bei diesem Preis ziehen Elektrofahrzeuge von der Kostenseite her mit Benzinautos gleich.» Aber könnte das Aufkommen anderer Technologien wie Wasserstoffautos (s. «Swissquote Magazine» Ausgabe 04/2020) diese schönen Zukunftsaussichten nicht eintrüben? Absolut nicht, meint Xavier Regnard, Analyst für Utilities & Energy Transition für die Bank Bryan, Garnier & Co: «Auch Wasserstoffautos sind mit Batterien ausgestattet», betont der Experte. «Egal, für welche Art von Mobilität man sich in Zukunft entscheidet, ob Batterie-, Hybridoder Wasserstofffahrzeuge, ohne Batterien wird es nicht gehen. Sie sind unumgänglich für die Dekarbonisierung des Verkehrs.» Der andere Nachfragetreiber ist die stationäre Speicherung. Anna Väänänen erinnert: «Erneuerbare Energien arbeiten intermittierend. Wir brauchen also Lösungen, um die Energie zu speichern, wenn die Produktion die Nachfrage übersteigt, damit sie bei Verbrauchsspitzen ins Netz eingespeist werden kann. Wasserstoff und Batterien sind zwei Technologien, die dieses Problem lösen können.»

Dieser Speicherbedarf besteht bei grossen Erzeugern erneuerbarer Energien, aber auch bei Privatpersonen mit kleinen Stromerzeugungskapazitäten wie bei Sonnenkollektoren auf dem Hausdach. Nach EU-Angaben betrug die Nachfrage nach Batterien für die stationäre Speicherung 2020 nur zehn GWh, also 20 Mal weniger als der Bedarf an Elektrofahrzeugen. Und der Bedarf dürfte bis 2030 auf 221 GWh steigen. «Die Speicherung erneuerbarer Energien ist ein aufstrebender Bereich, der viel kleiner als die Elektromobilität ist, aber alle grossen Batteriehersteller positionieren sich bereits auf diesem Gebiet. Das zeigt, dass sie an das Potenzial dieses Segments glauben», betont Nicolas Jacob. Der Autohersteller Tesla beispielsweise vermarktet seit 2015 die Speicherlösungen Powerwall für Privathaushalte und Powerpack für die Industrie.

 

«Die Leute haben den Eindruck, dass die Batteriebranche bereits riesig sei. Aber wir stehen erst am Anfang»

Michael Pye, Investmentmanager bei Baillie Gifford

 

Das letzte grosse Ressort der Batterieindustrie, die Unterhaltungselektronik, wird ihrerseits ihren Bedarf zwischen 2020 und 2030 voraussichtlich verdoppeln, von 60 GWh pro Jahr auf 130 GWh. Ist vor diesem Hintergrund jetzt der richtige Zeitpunkt, um zu investieren? «Die Akteure der Batteriebranche bleiben teure Werte, weil die Märkte ein starkes Wachstum des Sektors erwarten», warnt Nicolas Jacob von Oddo. «2021 erschien mir ihre Bewertung zu hoch. Die Märkte hatten das mit dem stationären Bereich verbundene Wachstum etwas zu stark antizipiert. Heute, nach der Korrektur von 2022, erscheint mir der Aktienkurs der Batteriespezialisten etwas vernünftiger.»

Dieser Ansicht ist auch Anna Väänänen: «Die Bewertung der Unternehmen ist heute realistischer als noch vor einigen Monaten. Ich weiss nicht, ob dies ein guter Einstiegspunkt für Anleger ist, aber sicher ist, dass wir es hier mit einem stark wachsenden Markt zu tun haben», sagt die Managerin des Global Environmental Equity Fund bei Mirova. «Die Anleger sollten jedoch bedenken, dass der Batteriesektor wahrscheinlich eine zyklische Industrie wie die Halbleiterindustrie werden wird.»

Konkret bedeutet das, dass die Unternehmen in der ersten Phase des Zyklus massiv investieren, um ihre Produktionskapazitäten zu erhöhen, damit sie mit der steigenden Nachfrage Schritt halten können. Dies ist die goldene Zeit, die wir derzeit erleben, denn weltweit werden, angetrieben von verlockenden Aussichten, immer mehr Projekte zum Bau von Gigafactories in Angriff genommen. Im Juli 2022 kündigte beispielsweise Panasonic an, vier Mrd. Dollar in eine neue Fabrik in Kansas zu investieren. Und Volkswagen hat mit dem Bau seiner ersten Gigafactory in der Nähe von Salzgitter in Deutschland begonnen, die rund 3,5 Mrd. Euro kosten soll.

Es besteht allerdings das Risiko, dass sich der Zyklus in einer zweiten Phase umkehrt und es schwierig wird, diese enormen Investitionen zu amortisieren. «Durch die Eröffnung all dieser Fabriken wird die Batterie-industrie in einigen Jahren mit Überkapazitäten zu kämpfen haben», warnt Anna Väänänen. «Dies wird zu einer Konsolidierung des Marktes führen, bei der die kleinsten Akteure verschwinden. Denn in einer zyklischen Industrie, die hohe Investitionen erfordert, haben die grössten und etabliertesten Akteure, die ihre Preise durchsetzen können, einen Vorteil. Die heutigen grossen Namen im Batteriegeschäft, wie CATL, LG oder BYD, werden wahrscheinlich auch die grossen Namen von morgen sein.»