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«Uns ist bewusst geworden, wie verwundbar wir alle sind»

Marc Bürki, CEO von Swissquote, analysiert die aktuelle Krise. Ein Interview per Videokonferenz.

Aussergewöhnliche Zeiten erfordern aussergewöhnliche Mittel. Der CEO der Swissquote Bank, die auch dieses Magazin herausgibt, hat für die vorliegende, etwas andere Ausgabe ein langes Interview zur Coronakrise gegeben. Das Gespräch wurde aufgrund der Vorsichtsmassnahmen per Videokonferenz von zwei Räumen der Bank aus geführt. Marc Bürki kritisiert den Bund für seine mangelhafte Kommunikation mit den Unternehmen zu Beginn der Krise. Jetzt, wo die Welt auf die USA blickt, gibt er eine Prognose für die Zeit nach der Pandemie ab.

Die Krise, in der wir uns momentan befinden, ist so einzigartig, dass Prognosen kaum möglich sind. Gibt es Präzedenzfälle, die man heranziehen kann?

So etwas hat es auf der Welt noch nicht gegeben. Aus Sicht der Finanzmärkte sind viele versucht, Parallelen zu den Geschehnissen von 2008 zu ziehen, aber die Ausgangslage war damals eine ganz andere: 2008 handelte es sich um eine strukturelle Krise, die mit der grundlegenden Funktionsweise der Wirtschaft zusammenhing. Diesmal kam der Schock von aussen. 2008 hatten wir bereits seit zwei Jahren einen Bärenmarkt mit Tendenz nach unten. Diesmal haben wir einen aussergewöhnlich plötzlichen und brutalen Börsencrash erlebt. Meiner Meinung nach lässt sich das mit keiner anderen Krise vergleichen.

Wie blicken Sie ohne Vergleichsmöglichkeit auf die kommenden Monate?

Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten, weil es so viele unbekannte Faktoren gibt. Niemand weiss derzeit, wann die Pandemie wirklich enden wird. Und es besteht das Risiko, dass das Virus in einigen Monaten wiederkommt. Das einzige Mittel, mit dem wir uns definitiv aus der Krise befreien können, besteht darin, entweder die Zahl der Infektionen auf null zu bringen oder einen Impfstoff zu entwickeln. Aber wann wird der verfügbar sein? Bis dahin können wir nur spekulieren. Haben wir das Virus einmal besiegt, wird auch die Wirtschaft wieder anspringen und der Konsum nach und nach wieder anziehen. In China oder Hongkong können wir das bereits beobachten. Ich bleibe also positiv, auch wenn der Konsum nicht nach dem On-/Off-Prinzip funktioniert. Wenn wieder konsumiert wird, dann vorsichtig.

In welchem Zustand wird sich die Schweizer Wirtschaft dann befinden?

Laut Hochrechnungen des Staatssekretariats für Wirtschaft vom 11. April ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in der Schweiz bereits um 1,5 Prozent gesunken. Das plausibelste Szenario geht von einer jährlichen Rezession von rund 7 Prozent aus. Ich glaube jedoch, dass sich die Wirtschaft stark erholen wird, wenn die Krise vorbei ist. Dann wird es einen klassischen Aufholeffekt geben. Zu beachten ist auch, dass der Gesundheitssektor selbst in dieser Krisenzeit die Wirtschaft stützt. Investitionen in Krankenhäuser sorgen hier für einen wirtschaftlichen Aufschwung. Wir müssen Betten, Medikamente und verschiedene Produkte herstellen. Es muss eine Infrastruktur geschaffen werden. Es werden Leute eingestellt. Der Boom in dieser Branche kompensiert also in Teilen den Abschwung. Es gibt jedoch noch ein anderes, düstereres Szenario mit einer Gesundheitskrise, die bis in das dritte Quartal hineinreicht, und einem Rückgang des BIP um etwa 10 Prozent für das gesamte Jahr. Das gab es seit der Ölkrise von 1974 nicht mehr.

Wie wird sich die Situation in den USA auf diese Prognosen auswirken?

Als führende Weltmacht halten die USA zu einem grossen Teil das Schicksal der Weltwirtschaft in ihren Händen. Alle Augen sind jetzt auf sie gerichtet. Wenn sie es nicht schaffen, die Ausbreitung des Virus in den nächsten Wochen einzudämmen, steuern wir auf eine gewaltige und anhaltende Krise zu, und das jährliche weltweite BIP wird deutlich sinken. Aber nachdem Donald Trump die Situation eine Weile verleugnet hatte, scheint er das Ausmass der Krise nun erfasst zu haben. Das gibt Anlass zur Hoffnung.

Um das Schlimmste zu verhindern, legen die Regierungen Konjunkturprogramme in schwindelerregenden Höhen auf. Werden bereits hoch verschuldete Staaten das je zurückzahlen können?

In der Tat sind die Zahlen eindrucksvoll. Die gigantischen Finanzspritzen in das System müssen a priori natürlich zurückgezahlt werden. Allerdings wird man virusbedingte Schulden meiner Meinung nach gesondert betrachten. Sie dürften nicht unter die normalen Kontrollmechanismen fallen. Was die Europäische Union angeht, ist das Problem wie immer, dass die Nordländer keine Schuldenvergemeinschaftung wollen. Es wird daher keine Ausgabe von Euro-Bonds (oder Corona-Bonds) geben, aber die EZB wird dennoch Staats- und Unternehmensschulden aufkaufen, und Europa wird grosse Konjunkturprogramme aufstellen. Am Ende läuft dies auf das Gleiche hinaus. In der Schweiz wird es laut Bundesrat 25 Jahre dauern, die in der Krise entstandenen Schulden mit den Einnahmen des Bundes abzutragen.

Birgt die massive Unterstützung der Unternehmen nicht die Gefahr, die Wirtschaft zu verzerren?

Es gibt gute und schlechte Möglichkeiten, die Finanzhilfen einzusetzen. Schlecht wäre es, gewisse Unternehmen aus Wahlkampfgründen zu retten. Das wäre ganz klar eine Katastrophe. Die Mittel müssen verantwortungsvoll und vor allem gezielt in den Wirtschaftsbereichen zum Einsatz kommen, die es am nötigsten haben. In der Schweiz wird sich dieses Problem nicht stellen. Mit öffentlichen Geldern wird hier kein Wahlkampf betrieben. Ich glaube, dass die Finanzhilfen hier sinnvoll verwendet werden, und auch in Europa wird das der Fall sein. In den USA sieht das angesichts der polarisierenden Politik anders aus, dort ist alles möglich. Doch die momentane Situation ist so weit ausserhalb der Norm, dass selbst die unberechenbarsten Politiker zur Vernunft tendieren.

Wird nach der Pandemie unsere Gesellschaftsordnung infrage gestellt werden?

Es gibt einige, die bereits das Ende des Kapitalismus ausrufen. Das war auch 2008 schon so. Seitdem ist viel Zeit vergangen – und der Kapitalismus ist geblieben. Ich glaube nicht, dass es nach der Krise zu grossen Umwälzungen kommen wird, aber die Beschaffung und die schlanke Produktion werden auf den Prüfstand kommen. Wir haben in dieser Pandemie erlebt, wie sehr die weltweite Fertigung durch die überall eingeführten Shutdown-Massnahmen ins Stocken geraten ist. Und wie stark wir von China als Werkbank der Welt abhängen. Wir wollen nicht noch einmal so unvorbereitet getroffen werden und wieder in die Situation geraten, dass Regierungen die ganze Welt nach Masken abklappern müssen. Wir werden über die Unabhängigkeit des Gesundheitswesens und darüber hinaus über strategische Reserven in der Branche nachdenken müssen. In Zukunft werden wir gewisse Produkte sicher lokal fertigen, auch wenn das etwas teurer ist.

Ist das nicht ein ideologischer Sieg der Souveränisten?

Nur scheinbar. Die Grenzen haben das Virus nicht von der Verbreitung abgehalten. Vergessen wir nicht, dass sehr viele Ausländer, vor allem aus Deutschland und Frankreich, in unserem Land zum Pflegepersonal gehören. Ohne die Ausländer, die in der Schweiz arbeiten, stünden wir heute sehr schlecht da.

 

«Das Virus 2020 wird ebenso im Gedächtnis haften bleiben wie etwa der Zweite Weltkrieg»

 

Die Italiener haben sich auf dem Höhepunkt der Krise von Brüssel im Stich gelassen gefühlt. Glauben Sie, dass die Europäische Union die Krise überleben wird?

Ich denke, ja. Europa hat immer alle Krisen überstanden und funktioniert in gewisser Weise sogar besser, wenn es vor einer Herausforderung steht. Wenn die EU vom Untergang bedroht ist, finden die Politiker immer die nötigen Mittel. Aber es muss darüber nachgedacht werden, wie man Kräfte in Krisenzeiten bündeln kann. Und dieses Problem betrifft nicht nur die EU. In den USA haben die einzelnen Bundesstaaten mehr Initiative gezeigt als die Regierung in Washington. Auch in der Schweiz waren es zunächst die Kantone, die strategische Entscheidungen im Gesundheitsbereich getroffen haben.

Haben Sie den Eindruck, dass die Schweizer Behörden angemessen auf die Krise reagiert haben?

Wenn eines Tages die Geschichte, die wir jetzt erleben, aufgeschrieben wird, dann steht sie in sämtlichen Geschichtsbüchern, ob sie sich nun auf die Wirtschaft oder die Gesellschaft beziehen. Das Virus 2020 wird ebenso im Gedächtnis haften bleiben wie etwa der Zweite Weltkrieg. Aus der Rückschau können wir dann unsere Fehler ermessen, die wir im Umgang mit der Krise gemacht haben. Es ist natürlich immer einfacher, das im Nachhinein zu tun.

Die Schweizer Behörden haben trotz allem ruhig und entschlossen reagiert. Erinnern wir uns nur daran, dass wir das erste Land in Europa waren, das Veranstaltungen mit mehr als 1’000 Teilnehmern verboten hat. Das war eine starke Massnahme, die wahrscheinlich viele Menschenleben gerettet hat, obwohl dies zum damaligen Zeitpunkt verrückt erschien. Die Absage des Genfer Auto-Salons kam uns surreal vor. Italien erlaubte zu dem Zeitpunkt noch Fussballspiele vor Publikum, obwohl die Gesundheitskrise dort schon viel schlimmer war als bei uns. Danach gab es einen Moment der Unsicherheit. Die Kommunikation des Bundes hat die Unternehmen vollkommen vergessen. Wir haben kaum Vorgaben dazu erhalten, wie wir uns verhalten sollten. Es gab viele Mitteilungen an die Bürger, aber kaum welche an Unternehmen.

Das heisst, dass Sie als CEO einer Bank keinen Kontakt mit dem SECO, dem BAG oder ähnlichen Institutionen hatten?

Offiziell nicht. Die Unternehmen selbst haben angefangen, vernünftige Massnahmen umzusetzen. Ich für meinen Teil befand mich in einer eher privilegierten Lage: Als Mitglied des Verwaltungsrats der ETH habe ich Kontakte zu vielen Menschen in Bern, und so habe ich einige Hinweise auf eine Reihe von Massnahmen erhalten, die zu ergreifen sind. Später hat sich die Situation etwas gebessert.

Als Bank haben wir von unserem Spitzenverband, der Schweizerischen Bankiervereinigung, Informationen zu den Krediten des Bundes erhalten, also den berühmten Covid-19-Krediten über 500’000 Franken. Nach einigen Kommunikationsmassnahmen hat die Finma recht schnell mit einem Schutzschirm für die Unternehmen reagiert.

Halten Sie die Wirtschaftsmassnahmen der Schweiz für angemessen?

Kurzarbeit ist ein bewährtes Mittel, das gut funktioniert. Sie ist das Äquivalent zum Helikoptergeld in Ländern, die über eine weniger gute soziale Absicherung verfügen oder keine anderen Möglichkeiten haben, den Bürgern unter die Arme zu greifen. In den USA soll jeder Amerikaner einen Scheck über 1’000 Dollar und jeder Haushalt bis zu 3’000 Dollar erhalten. Letztendlich wird die Schweiz im Durchschnitt sehr viel mehr Geld pro Person ausgeben, weil der Staat bei den Gehaltszahlungen für die Unternehmen einspringt.

Die Covid-19-Kredite zur Unterstützung der Unternehmen wurden gleich in mehreren anderen Ländern nach dem Schweizer Modell übernommen. Kredite werden Unternehmen gewährt, die vor der Krise ein gesundes Geschäftsmodell hatten. Das System funktioniert: Der Bund gibt die Verantwortung an die Banken weiter, die Unternehmen herauszufiltern, die vorher nicht bereits in wirtschaftlichen Schwierigkeiten waren. Die Banken ziehen mit.

Das ist eine sehr pragmatische Lösung. Typisch schweizerisch?

Wir mussten schnell handeln, aber wir haben es gut gemacht. Es drohen allerdings enorme Schäden für Kleinstunternehmen und Solo-Selbstständige, die nicht als AG firmieren. Diese Unternehmen sind in grosser Gefahr. Wer vor der Krise bereits schwächelte, wird an ihr wahrscheinlich zugrunde gehen. Nach der Krise braucht es die Solidarität jedes Einzelnen. Wir müssen in die Geschäfte gehen, um den Kleinunternehmern zu helfen, die für das Wirtschaftsgefüge so wichtig sind.

Wird die Krise die Unternehmen dazu bringen, global mehr Verantwortung zu übernehmen?

Ich denke, ja. Uns ist bewusst geworden, wie verwundbar wir alle sind. Als wir beispielsweise über den Klimawandel gesprochen haben, blieb dies trotz allem ein theoretisches Konzept. Wir sehen die Gletscher schmelzen, wir sagen uns, das wird eine Katastrophe, aber erst in 50 Jahren. Jeder hat gesagt: «Wir haben doch noch Zeit.» Die Krise drängte nicht. Diesmal spüren wir, wie sehr wir unserer Umwelt ausgeliefert sind. Man kann nur hoffen, dass uns das eine Lektion sein wird, dass wir uns klar werden darüber, dass wir die Natur nicht ewig schlecht behandeln können. Unser gesellschaftliches Zusammenleben und die Umweltverschmutzung sind Themen, die gleichermassen angesprochen werden müssen.

Unsere Freiheitsrechte scheinen extrem bedroht zu sein. Fürchten Sie eine generelle Überwachung der Bevölkerung?

Allerdings. Sobald die Gesundheit auf dem Spiel steht, machen wir Zugeständnisse bei der Freiheit. Wir konzentrieren uns auf die drängendste der beiden Gefahren. Was kümmert es uns, ob der Staat uns überwacht, wenn wir an jeder Ecke unser Leben riskieren? Aus diesem Grund brauchen wir schnell einen Impfstoff. Die Alternative wäre ein ständiges Überwachen der Menschen. In China ist das bereits der Fall, wo der Weg aus dem Lockdown über einen Farbcode führte, der jedem zugewiesen wurde. In der westlichen Welt würde man so etwas auf Dauer nicht akzeptieren.

Was denken Sie über die generelle Arbeit im Homeoffice?

Das Homeoffice ist ein phänomenaler Erfolg. Schon allein aufgrund der Tatsache, dass es heute durch die hohen Bandbreiten möglich ist, relativ bequem von zu Hause aus zu arbeiten. Was wäre gewesen, wenn die Krise zum Beispiel 2005 passiert wäre? Damals hätte die Internetgeschwindigkeit nicht dafür ausgereicht, alle Beschäftigten von zu Hause aus arbeiten zu lassen.

Bei Swissquote haben wir schon vor der Krise aufs Homeoffice gesetzt, wegen der Probleme des Pendelns und der Zeit, die im öffentlichen Verkehr verbracht wird. Wir hatten das Glück, vorbereitet zu sein, und konnten 90 Prozent der Beschäftigten aus allen Unternehmensbereichen ins Homeoffice zu schicken.

Glauben Sie, dass das Arbeiten von zu Hause aus in Zukunft der Normalfall sein wird?

Wir werden aus dieser Erfahrung etwas für die Zukunft mitnehmen. Dennoch glaube ich, dass es wichtig ist, auch physisch im Unternehmen, für das man tätig ist, anwesend zu sein. Wir sind soziale Wesen, wir brauchen den unmittelbaren Kontakt zu anderen Menschen. Wir brauchen Nähe. Im Moment ist das nicht möglich, aber das fehlt uns. Ein System, in dem sich der berufliche Kontakt nur noch auf Videokonferenzen beschränkt, würde langfristig zu einer Massendepression führen. Das ist kein Unternehmensmodell. Eine Mischung aus Homeoffice und Präsenz am Arbeitsplatz scheint mir die bessere Idee zu sein.

 

«Die Börsen haben funktioniert. Das System ist nicht zusammengebrochen»

 

Die Börse ist in der Krise dramatisch eingebrochen. Welche Rolle haben Trading Robots beim Crash gespielt?

Wie immer haben sie das Phänomen verstärkt. Die meisten Trader sind heutzutage Algorithmen. Es gibt nur noch ganz wenige menschliche Händler. Das gehört inzwischen einfach zum Markt dazu.

Sollte man die Macht der Algorithmen begrenzen, um ihre verstärkende Wirkung abzuschwächen?

Die Zahl der an der Börse gehandelten Produkte ist heute so hoch, dass sie die menschlichen Möglichkeiten übersteigt. Ein Gesamtüberblick ist schlicht nicht mehr möglich. Wir brauchen Maschinen, um den Markt zu organisieren. Natürlich müssen den Maschinen auch Grenzen gesetzt werden, zum Beispiel durch automatische Unterbrecher wie in den USA. Aber abgesehen davon haben der automatisierte Handel oder auch der viel zitierte Hochfrequenzhandel keine Schuld an der derzeitigen Krise. Es war kein Flash Crash, sondern ein äusseres Ereignis, das den Markt ins Wanken gebracht hat. Alle haben zu diesem Kursverfall beigetragen: sowohl die Menschen als auch die Maschinen.

Hätte man in diesem Fall die Börse schliessen sollen, bis alle wieder bei Sinnen sind, wie es ja auch schon öffentlich diskutiert wurde?

Zum Glück ist davon inzwischen keine Rede mehr, das wäre eine Katastrophe gewesen. Das ist eine Debatte, die von Emotionen und der Angst vor Volatilität gesteuert wurde. Angesichts der kontinuierlichen Kursrückgänge von teilweise mehr als 10 Prozent der Indexwerte glauben die Menschen, es sei besser, alles herunterzufahren und eine Verschnaufpause einzulegen. Doch das Problem mit dem Herunterfahren ist, dass man eines Tages alles auch wieder hochfahren muss. Und das ist ein Sprung ins Ungewisse.

In der Zwischenzeit können sich Katastrophen abspielen. Unternehmen, die Liquidität brauchen, müssen ihre Vermögenswerte verkaufen dürfen. Gibt es keinen Handelsplatz, an dem sie das tun können, dann kommt zu dem eigentlichen Problem noch ein Liquiditätsengpass hinzu. Die Wirtschaft braucht in Krisenzeiten wirklich ein Handelssystem. Und auch wenn die Volatilität diesmal aufgrund der drastischen Kursstürze enorm hoch war, haben die Börsen funktioniert. Das System hat nicht versagt.

Ist jetzt, wo die Kurse unten sind und einige Länder den Höhepunkt der Pandemie überschritten zu haben scheinen, der richtige Zeitpunkt, Aktien zu kaufen?

Es gibt ein paar echte Perlen. Die Aktienkurse extrem solider Unternehmen wurden von der Krise mit voller Wucht getroffen. Das gilt beispielsweise für Apple, das über eine gut gefüllte Kriegskasse verfügt. Ich persönlich habe ABB‑Aktien gekauft, da ich glaube, dass der Industriesektor wieder aufblühen wird. Ich glaube auch nicht, dass die kommerzielle Luftfahrt am Ende ist. Die grossen Luftfahrtgesellschaften werden sicher gerettet werden. Es gibt einige Chancen, und ich bin nicht der Einzige, der so denkt: Wir werden derzeit mit Kontoeröffnungsanträgen überrollt. Momentan sind es fast 1’000 pro Tag, Ende letzten Jahres waren es noch 100 bis 200.

Viele der neuen Kunden fanden, dass der Markt in den letzten drei Jahren zu hoch bewertet gewesen sei. Häufig sagen mir Leute so etwas wie: Ich will jetzt nicht in den Markt einsteigen, weil eine Korrektur kommen könnte. Man könnte es auch so sehen, dass diese Korrektur jetzt stattgefunden hat. Viele Menschen glauben, es ist der richtige Moment zu investieren, und das erklärt zum Teil unseren derzeitigen Erfolg.

Welche Branchen und Unternehmen werden als Gewinner aus der Krise hervorgehen?

Da der Markt überverkauft ist, werden alle Branchen positive Auswirkungen spüren, wenn die Wirtschaft wieder anläuft. Nach der Krise werden Branchen wie die Pharmaindustrie und generell alle, die im Gesundheitswesen eine Rolle spielen, Kurszuwächse verzeichnen. Und natürlich wird das Unternehmen, das einen Impfstoff produziert, einer der grossen Gewinner sein.

Ist die Investition in Kryptowährungen eine gute Idee?

Kryptowährungen werden niedergemacht, obwohl sie eine wichtige Rolle spielen. Das zeigt sich schon daran, dass sie nach der Krise immer noch da sind. Als der Bitcoin zu sinken begann, hiess es gleich, das sei das Ende. Nur ein Nationalstaat sei in der Lage, eine Währung aufrechtzuerhalten. Aber auch Gold ist auf dem Höhepunkt der Krise abgestürzt. In Wirklichkeit war es der punktuelle Liquiditätsbedarf vieler Anleger, der die Vermögenswerte nach unten gedrückt hat.

Die Coronakrise war sicherlich das bisher unerwartetste Ereignis, das Sie zu bewältigen hatten...

Ich hätte niemals gedacht, dass so etwas passieren würde. Es ist ein Albtraum. Noch heute kann ich es manchmal, wenn ich morgens aufwache, kaum glauben. Aber ich sage mir, dass jede Krise ein Ende hat. Trotz allem zeigen uns viele Daten, dass man diese Infektion in den Griff bekommen kann. Auf eine Phase der Stagnation wird eine Rezession folgen. Diese Krise wird ein Ende haben, und wir werden zu unserem alten Leben zurückkehren, wieder Kontakt zu anderen Menschen haben, ausgehen, feiern können. Das gibt mir Hoffnung.

PILOTENSEELE

Marc Bürki, der seit fast 25 Jahren an der Spitze der Swissquote Bank steht, gilt als zugänglicher Chef, der immer ein offenes Ohr für seine Mitarbeitenden hat. Das Unternehmen, das er 1996 mit Paolo Buzzi – dem aktuellen CTO der Gruppe – gründete, hat sich zum unangefochtenen Schweizer Marktführer im Online-Banking entwickelt. Seit dem Jahr 2000 ist Swissquote mit aktuell 700 Mitarbeitenden an der Schweizer Börse kotiert. Die beiden Partner hatten 1990 bereits ein anderes Unternehmen gegründet, Marvel Communication, spezialisiert auf Software und Webanwendungen für die Finanzbranche, den Vorläufer der heutigen Swissquote Bank.

Marc Bürki ist jedoch nicht nur am Standort des Unternehmens in Gland VD aktiv und engagiert. Seit 2017 sitzt er auch im ETH-Rat. Er ist begeisterter Flieger und steuert seit vielen Jahren seine eigene Pilatus PC-12. Ein Weg, seine Neugier und seinen Abenteuerdurst zu stillen.

 
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