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«Erdöl ist zu einer Zeitbombe geworden»

Das weltweite Überangebot und eine Nachfrage im freien Fall haben den Preis des schwarzen Goldes einbrechen lassen.
Die Aussichten der Branche sind alles andere als beruhigend, wie Laurent Horvath, Geoökonom und Energieexperte, im Interview erklärt.

Von Angélique Mounier Kuhn

Ein historisches Abkommen: Unter dem Druck der USA stimmten die Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) und andere grosse Produzenten des schwarzen Goldes, darunter Russland, am Sonntag, dem 12. April, einer Drosselung der Förderung um 10 bis 15 Millionen Barrel pro Tag ab dem 1. Mai zu. Ein Rekord. Damit hoffen die Partner, die Ölpreise, die auf den niedrigsten Stand seit fast zwei Jahrzehnten gefallen sind, inmitten einer globalen Pandemie und vor dem Hintergrund eines Preiskampfes zwischen Moskau und Riad wieder nach oben treiben zu können. Der Preisverfall hat die grossen Erdölproduzenten und Schieferölhersteller in den USA hart getroffen und sie gezwungen, ihre Kosten zu senken.

«Das ist ein sehr guter Deal für alle», lobte US‑Präsident Donald Trump auf Twitter. «Es wird Hunderttausende Arbeitsplätze in der amerikanischen Energiebranche retten». Dieser Optimismus wird von Laurent Horvath nicht geteilt: «Das Coronavirus hat sich weltweit ausgebreitet und zu einem beispiellosen Rückgang der Mobilität und des Güterverkehrs geführt. Obwohl die Drosselung der Erdölproduktion historisch einmalig ist, erscheint sie angesichts des durch die Pandemie verursachten Einbruchs in der Nachfrage lächerlich», betont der Energieexperte und Geoökonom. Und es bleibt abzuwarten, ob die Versprechungen einer reduzierten Produktion wirklich von allen Partnern eingehalten werden». Wir haben Laurent Horvath dazu interviewt.

Hängt der Preissturz des Erdöls mit einer Erschütterung der Nachfrage oder des Angebots zusammen?

Mit beidem. Die Pandemie hat einen Teil der Nachfrage ausgelöscht. Man geht davon aus, dass sie in wenigen Wochen um mehr als 25 Millionen Barrel pro Tag - bei einem Gesamtverbrauch von 100 Millionen Barrel - eingebrochen ist, also um 25 bis 30 Prozent. Diese einzigartige Situation in der Geschichte des Öls zwingt die Produzenten, ihre Produkte zu lagern. Laut Rystad Energy werden die weltweiten Lagerkapazitäten bereits zu 75 Prozent genutzt. Angesichts der derzeitigen Überproduktion könnten sie also schnell ausgelastet sein. Die Preise für die Verschiffung mit Tankern, die auch der Lagerung dienen, sind explodiert. Was passiert aber, wenn die Lagerkapazitäten erschöpft sind? Im schlimmsten Fall werden manche Produzenten gezwungen sein, ihr schwarzes Gold mit Verlust zu verkaufen, das heisst, dafür zu bezahlen, ihre Produktion absetzen zu können. Andere Szenarien gehen davon aus, dass sich der Ölpreis vielmehr bei 10 oder 20 Dollar stabilisiert. So lautet die Prognose von Goldman Sachs.

Wie lange können Russland und Saudi‑Arabien bei so einem niedrigen Erdölpreis durchhalten?

Saudi‑Arabien wie auch Russland haben die Mittel, um sich einige Jahre zu halten. Beide verfügen über Staatsfonds. Der von Russland enthält 150 Mrd. Dollar. Das Land profitiert von sehr geringen Förderkosten. Um ein ausgeglichenes Budget zu haben, braucht es einen Ölpreis von 42 Dollar. Und der Staatsfond von Saudi‑Arabien ist immerhin 500 Mrd. Dollar schwer, die Förderkosten sind auch dort sehr gering, etwa 5 bis 10 Dollar pro Barrel. Doch die Saudis sind auf einen Barrel‑Preis von 80 Dollar angewiesen, um ihren Haushalt auszugleichen. Mit ihren Staatsfonds haben sie einen Spielraum von ein oder zwei Jahren.

Wie ist die Lage der grossen Ölkonzerne?

Die grossen amerikanischen Firmen wie ExxonMobil und Chevron, die niederländische Shell, die englische BP oder die französische Total haben ihre Betriebskosten gesenkt, Entlassungen angekündigt und bestimmte Investitionspläne abrupt gestoppt. Sie kündigten auch eine Aussetzung ihrer Aktienrückkaufprogramme an. Dennoch wird alles darangesetzt, die Dividenden zu halten, um die Anleger nicht zu verschrecken. Chevron beispielsweise wollte über die nächsten fünf Jahre 75 Mrd. Dollar ausschütten. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass das Unternehmen dieses Versprechen hält. Im Februar rechneten diese Konzerne mit einem Barrel‑Preis zwischen 60 und 70 Dollar, um Explorationen, neue Projekte und Dividenden zu finanzieren. Seitdem ist alles zusammengebrochen.

Wie sieht es mit den kleineren Schieferölproduzenten aus? Deren Boom hat ja den USA dazu verholfen, der grösste Erdölproduzent der Welt zu werden.

Für sie ist es die schiere Katastrophe. Doch das Massensterben hat bereits vorher begonnen: 42 dieser Unternehmen sind 2019 in Konkurs gegangen. Deren Öl ist bei einem geschätzten Durchschnittspreis von 52 Dollar pro Barrel teuer. Ausserdem ist es minderwertig. Daher nehmen es die Raffinerien mit einem Abschlag von 5 bis 20 Dollar pro Barrel ab. Ab einem Preis von 25 Dollar pro Barrel verlieren diese Produzenten ein Vermögen. Sie sind darüber hinaus anfällig, da sie in diesem Jahr Schulden in Höhe von 40 Mrd. Dollar zurückzahlen müssen. Sollte die Schieferölblase vollständig platzen, hätte das weltweite Auswirkungen. Doch mit der Finanzspritze von 2'000 Mrd. Dollar in die US‑Wirtschaft wird das Weisse Haus einen Plan verabschieden können, um die Branche zu stützen. Fragt sich nur, wer die glücklichen Auserwählten sein werden und ob man die Produktion von 9,3 Millionen Barrel pro Tag aufrechterhalten kann.

Einige Kommentatoren gehen davon aus, dass die Russen genau darauf abzielen, die amerikanische Schieferölproduktion zu zerschlagen…

Das ist durchaus plausibel. Die US‑Doktrin der Energieherrschaft erlaubt es, die Produktion Venezuelas, des Irans und Russlands zu erschweren. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat, sind gewiss die neuen US‑Sanktionen gegen Rosneft Trading mit Sitz in der Schweiz, die mit venezolanischem Erdöl handelt. Als geschickte Schachspieler entschieden die Russen, dass es der ideale Moment sei, um der Energiemacht USA etwas entgegenzusetzen.

Warum hat Russland sich in diesem Fall zu einer 180-Grad-Drehung entschlossen und sich am Ende bereit erklärt, die Produktion zu drosseln?

Aufgrund des Drucks der USA. Donald Trump muss Erdöl‑Arbeitsplätze in seinem Land erhalten, was ihn gezwungen hat, Gespräche mit Wladimir Putin aufzunehmen. Die Verhandlungen zwischen den beiden Ländern mussten sicherlich über das Thema Öl hinausgehen, man musste auch über andere Themen sprechen wie etwa die Lockerung der Sanktionen gegen Moskau.

Wenn die Gesundheitskrise vorbei ist, müsste dann die wirtschaftliche Erholung zu einer Belebung der weltweiten Nachfrage führen?

Sobald die Pandemie unter Kontrolle ist, wird es einige Monate dauern, den derzeitigen Produktionsüberschuss abzubauen und die Bestände wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Während dieser ersten Phase sollten die Preise niedrig bleiben und eine Erholung der Weltwirtschaft ermöglichen.

In einer zweiten Phase könnten die Preise unter der Annahme, dass die Weltwirtschaft wieder anzieht und die Schieferölproduktion in den USA dezimiert wird oder dass es zu einem deutlichen Bruch zwischen den Produzenten kommt, schnell ein sehr hohes Niveau erreichen. Für den Fall, dass die Schieferölproduktion jedoch wieder anläuft, werden die Preise wieder zur Spanne von 2019 zurückkehren. Dieses extreme Jo‑Jo‑Spiel ist sowohl für Investoren als auch für Regierungen sehr destabilisierend. Auch die Ölgiganten sind nicht davor gefeit. Innerhalb von fünf Jahren hat ExxonMobil mehr als die Hälfte seines Marktwertes eingebüsst. Öl ist zu einer tickenden Zeitbombe geworden, und über einen Horizont von mehr als 18 Monaten sind die Investitionsrisiken sehr hoch und schwer einzuschätzen. Der Grad der Widerstandsfähigkeit der Ölgiganten ist ein guter Indikator für die Zukunft der Branche.

 

 
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